SoSe 2013

MA HS. Regionalität, Interkulturalität und Globalisierung - Heimat

Dr. Thomas Schneider

Kurzname: HS. Regionalität
Kursnummer: 05.174.650

Inhalt

In provokanter Absicht formulierte Martin Walser im Jahr 1968 in seinem Aufsatz „Heimatkunde“, dass Heimat der „schönste Name für Zurückgebliebenheit“ sei und wies damit ironisch auf die Janusköpfigkeit eines Begriffs hin, der sowohl hoch emotional positiv besetzt als auch kritisch-desillusioniert bis distanziert aufgefasst wird. Die Ambivalenz des Begriffs rührt auch aus seiner Qualität der scheinbaren Zeitlosigkeit her. Doch während er auf den ersten Blick die Aura von Geborgenheit, Aufgehobensein, Identitätsstiftung und die Zugehörigkeit zu einer traditionalen (heilen oder sogar heiligen?) Ordnung verströmt, enthüllt ein zweiter, an der historischen Analyse orientierter Blick, dass Heimat als Begriff und Vorstellung in der Moderne zu verorten ist. Somit wäre der Begriff mit seinen modernen Konnotationen in die lange Reihe der „erfundenen Traditionen“ (E. Hobsbwam / T. Ranger, 1983) einzureihen, deren gemeinsames Merkmal ihre stabilisierende Funktion in den sich beschleunigenden Veränderungssituationen im Zuge der Modernisierung darstellt und die als Amalgam aus „Fund und Erfindung“ (E. Klusen, 1967) ihre Entstehungsgeschichte im Rahmen der bürgerlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts mit der Patina der Ancienität tarnen. Die Deutungen, denen der Begriff seit seiner Entstehung unterlag, und die Bestandteile, aus denen sich die jeweilige Bricolage zusammensetzte, unterlagen beträchtlichen Wandlungen; seiner Konjunktur haben sie scheinbar nicht geschadet.
Doch gerade die Zählebigkeit des Begriffs drängt ihn für eine kulturwissenschaftliche Analyse auf. Offenbar tangiert und bedient der Begriff Heimat eine ganze Reihe psycho-sozialer Bedürfnisse, kann aber – etwa im Falle des Verlusts oder der Verweigerung - ebenso als Quelle tiefer Traumata wirken. Die Assoziationskette, die sich an den Heimatbegriff anschließt, ist nicht eben kurz: Menschen, Landschaften, Baustile, Sprache (Dialekt), Musik, Kleidungsverhalten, Nahrungsgewohnheiten und Gusteme, Gerüche, Normen (Sitten) und Rituale (Bräuche), Konfession – fast ließe sich im Sinne von Marcel Mauss von einem „sozialen Totalphänomen“ sprechen. Das Seminar wird den Versuch unternehmen, diesem vielschichtigen Begriff über eine historische Herleitung und eine ideologiekritische Dekonstruktion hinausgehend näherzukommen. Dabei werden das Verhältnis von Nähe und Ferne, Eigen und Fremd, Innen und Außen im Zusammenhang mit dem Heimatbegriff zu bestimmen sein, und nicht zuletzt wird nach der Bedeutung von Heimat für die Bewohner des „globalisierten Dorfes“ im 21. Jahrhundert zu fragen sein.

Empfohlene Literatur

Die Seminarmaterialien werden im ReaderPlus zur Verfügung gestellt.

Termine:

Datum (Wochentag)UhrzeitOrt
17.04.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
24.04.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
08.05.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
15.05.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
22.05.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
29.05.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
05.06.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
12.06.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr03 153
1331 - Verfügungsbau SB II
19.06.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr00 461 P11
1141 - Philosophisches Seminargebäude
26.06.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr00 441 P10
1141 - Philosophisches Seminargebäude
03.07.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr00 441 P10
1141 - Philosophisches Seminargebäude
10.07.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr00 441 P10
1141 - Philosophisches Seminargebäude
17.07.2013 (Mittwoch)14.15 - 15.45 Uhr00 461 P11
1141 - Philosophisches Seminargebäude

Semester: SoSe 2013